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201808 AF 02 2 klein quer                          Nach Herz-OP auf 35-Jahre-Tour-United Blood

Das Kreuzberger SO36 ist an diesem warmen Sonntagabend von allen Seiten mit Hardcore-Fans umlagert. Als ich kurz vor 20:00 Uhr den Saal betrete, spielt bereits ARRESTED DENIAL. Doch bei Hammam-artigen Temperaturen muss ich mir zuerst ein Getränk zur Abkühlung holen. Dann gleich mal nebenan den Merch-Stand in Augenschein nehmen. Ich denke mir so, den Typen neben mir

kenne ich doch irgendwie?! Ja, das ist Roger Miret mit einer fetten Armschiene um den rechten Arm. Na dann begrüße ich ihn doch gleich mal. Da ich die nachmittägliche Signierstunde seiner Biografie „United & Strong“, die gerade in der deutschen Fassung erschienen ist, bei Coretex Records nicht wahrnehmen konnte, hole ich dies hier hocherfreut nach und halte noch ein kleines Pläuschen mit Roger. Was es mit der Armschiene auf sich hat, dazu später mehr.

201808 RogerMiret 01 2 klein neuWährend die sympathischen Punkrocker von ARRESTED DENIAL aus Hamburg die Bühne rocken, ist die Fanschaar im legendären SO36 noch überschaubar. Leider wurde ihr Set gekürzt, wie sie durchsagen, sodass ich nur noch zwei Songs mitbekomme. Beim Umbau wird nicht lange gefackelt. Nach kurzer Zeit können sich STREET DOGS über ein richtig gut gefülltes SO36 freuen. Mit ihrem eingängigen Streetpunk sorgen die Bostoner für gute Laune. Nach dem ersten Song wird in den vorderen Reihen ordentlich gepogt und getanzt. STREET DOGS sind ein würdiger Support, nehmen das Publikum mit und bringen es gut in Stimmung für den schon heiß ersehnten Headliner AGNOSTIC FRONT! Der Schweiß auf und vor der Bühne fließt in Strömen und Sänger Mike McColgan lässt es sich zum Schluss nicht nehmen per Stagediving von der Bühne abzugehen.
(Roger Miret | Sänger von AGNOSTIC FRONT)

Dicht gedrängt warten nun die Fans bis das Licht nach dem Umbau endlich erlischt und das Intro ertönt. Neben mir treffe ich ein niederländisches Pärchen, die ihr erstes AGNOSTIC FRONT-Konzert schon sehnsüchtig erwarten. Die Hardcore-Veteranen liefern an diesem Abend wieder einmal eine grandiose Show in ihrer zweiten Heimat ab. Jedes Mal spürt man die Verbundenheit zwischen Musikern und Fans, nicht nur beim Treffen vor oder nach dem Konzert sondern auch von der Bühne herunter. Logisch, der Circlepit ist vom ersten bis zum letzten Ton in Bewegung. Dafür ist keine Ermunterung nötig. Der sonst auf der Bühne so agile Roger ist in seiner Bewegung diesmal eingeschränkt und meinte folgendes „Ich muss euch was erzählen, vor 8 Wochen hatte ich eine Schulter-OP und vor 5 Wochen hatte ich eine Herz-OP. Aber ich liebe, was ich tue und die Musik kommt vom Herzen.“ Diese Erklärung schockt und erfreut die Fans zugleich. Respekt vor seiner Leistung auf der Bühne an diesem Abend, auf dieser Tour! Auch wenn der Sänger sich ab und zu eine ganz kurze Pause gönnt, merkt man doch, dass er alles gibt und wie viel Energie trotz seiner Angeschlagenheit in ihm steckt. So kommt Stigma auch mal in den Genuss der Frontposition und intoniert „Pauly The Dog“. Mit STREET DOGS- und ROGER MIRET & THE DESASTERS­­- Bassist Johnny Rioux singt Roger gemeinsam das IRON CROSS-Cover „Crucified“, wobei die Halle vor Begeisterung und ob der mittlerweile saunaartigen Temperaturen kocht. Doch letzteres tut der Stimmung keinerlei Abbruch – egal, ob Hymnen wie „For My Family“, „My Life My Way“ oder „Old New York“ oder Klassiker wie beispielsweise „Dead To Me“, „Friend Or Foe“ oder „Your Mistake“ – die Fans fressen den Musikern sprichwörtlich aus der Hand und singen die alten und neuen Evergreens textsicher mit. Anlässlich ihres Geburtstags wird ein weiblicher Fan auf die Bühne geholt und gemeinsam mit der Band singt der große SO36-Chor ihr ein „Happy Birthday“-Ständchen. Ja, so wird auch in der Hardcore-Familie gefeiert. Noch inbrünstiger allerdings funktioniert das darauffolgende „Gotta Go“ mit dem Hallen-Gesangverein.


Die Zeit verfliegt nur so und mir kommt es so vor, als sei das Set aus Rücksicht auf Rogers Gesundheit verständlicherweise etwas gekürzt worden. Doch zum Abschied darf das frenetisch mitgesungene und abgefeierte RAMONES-Cover „Blitzkrieg Bop“ nicht fehlen!  Nach einem kurzen Abschied  gehen die Lichter auf der Bühne aus und im Saal an, wo sich hunderte vollkommen schweißtriefende  Leiber k.o. aber glücklich gen Ausgang drängen.

35 Jahre AGNOSTIC FRONT sind in Songs an mir vorbeigezogen. Und ich hoffe auf viele weitere Jahre, Alben und unvergessliche Konzerte.

Wir wünschen Roger weiterhin gute Genesung und hoffen auf die baldige Rückkehr ins Berliner SO36!


Fotos: claudia k.