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Poly-Styrene-007Am 24.4. ist Poly Styrene gestorben.

"Poly Styrene hat alles vorausgesehen.", meint neulich ein Freund von mir: Sie war die erste Frau, welche Gender-Politik, Konsumkritik und Feminismus in den Punk reinbrachte. Als Reaktion auf Sexismus in der (Punk-)Musik zog sie riesige Zahnspangen an und sagte, falls sie zu einem Sexsymbol gemacht werden soll, wird

sie sich als erstes die Haare abschneiden. Viele Musikerinnen beziehen sich heute auf Poly Styrene, angefangen bei der Riot-Grrrl-Bewegung mit LE TIGRE bis hin zu aktuellen Sängerinnen wie Beth Ditto von THE GOSSIP und Karen O. von den YEAH YEAH YEAHS.

 

Poly Styrene wurde 1957 in Kent (UK) geboren. Ihr Wunsch, selbst Musik zu machen, wurde geweckt durch den Besuch eines SEX PISTOLS-Konzert, bei dem neben ihr drei weitere Gäste waren. Das einzige reguläre Album "Germ free adolescents" ihrer ersten Band X-RAY-SPEX erschien 1978 und ist ein absoluter Meilenstein der Punk-Bewegung. Es enthält Songs, die zugleich klug und lustig sind - zum Beispiel "Identity", "I am a poseur" und "Oh! Bondage up yours!". Nach einem Solo-Album zog sich Poly im Jahr 1980 aus dem Musikgeschäft zurück und ging mit ihrer Tochter Celeste in einen Hare Krshna Tempel, den sie allerdings einige Jahre darauf wieder verließ.


In den letzten Jahren gab es einige Wiedervereinigungen von X-RAY-SPEX, dessen Höhepunkt ein Gig im Londoner Roundhouse war, von dem es einen offiziellen Live-Mitschnitt auf CD gibt. Im Jahr 2010 nahm Poly Styrene mit dem Produzenten Youth (Mitglied von KILLING JOKE) ihr fulminantes Solo-Album "Generation Indigo" auf. Neben Power-Pop und Punk-Elementen enthält es Dancehall, Reggae und Elektronik Beats. Nach wie vor nimmt Poly mit ihren Texten die Welt auf humorvolle aber stets kluge und durchdachte Weise aufs Korn und ist dabei sehr aktuell wenn es um Internet, Rassismus, Feminismus, Armut und Konsumkritik geht. Spannend ist dabei vor allem, wie die ernste und im Grunde genommen etwas düstere Themenauswahl sich mit dem fröhlichen und positiven Grundton des gesamten Albums arrangiert.

 

Während der Aufnahmen zu "Generation Indigo" wurde bei Poly Styrene Brustkrebs diagnostiziert, der sich bereits auf andere Organe übertrug. Trotz ihrer Krankheit promotete sie das Album noch in den letzten Wochen von ihrem Krankenbett aus. Im nächsten WAHRSCHAUER #60 befindet sich ein Interview mit Poly Styrene, welches ich im März 2011 mit ihr am Telefon führen durfte.

Bis zuletzt ist sie ihren Ideen und Visionen gefolgt und ist damit nicht das erste Mal zum Vorbild geworden. Ihr Einfluß auf kluge, politische und unterhaltsame Musik wird weiter leben.