bds offenders„Eine echte Revolution braucht eine neue Menschlichkeit.“

 

Vom Geheimtipp, den man in kleinen Clubs wie dem Schokoladen gesehen hat, haben sich die OFFENDERS längst zu einer der bekanntesten 2-Tone-Ska-Bands entwickelt. Mit ihrem vierten Album “Lucky Enough To Live“ unterstreichen die vier Italiener dies eindrucksvoll und geben ihre eigene Dosis Mod-Northern-Soul dazu. 2005 in Italien gegründet, starteten

die Offbeat-Punkrocker erst richtig durch, als sie 2009 nach Berlin zogen. Sänger Valerio hatte zu der aktuellen Platte, dem arabischen Frühling und Berlin einiges zu sagen.

 

WAHRSCHAUER: Eure CD kommt in einem schönen Digipak. Warum ist statt der Texte eine kleine Geschichte im Booklet abgedruckt?

Valerio: Erstmal möchte ich mich bedanken, dass ihr mit uns ein Interview zum neuen Album führt. Der WAHRSCHAUER war eines der ersten deutschen Magazine, die mit uns ein Interview geführt haben, das war 2008. Was das Booklet angeht, so haben wir uns entschieden, eine kleine Fotostory abzudrucken, die vom Film “The Deer Hunter“ ( Oscar-gekrönter Vietnam-Film von 1978, deutscher Titel “Die durch die Hölle gehen“) inspiriert ist. In diesem Film gibt es eine Schlüsselszene, bei der die Hauptdarsteller Russisch Roulette spielen. Das sehen wir als Metapher zu unserem Leben an, in dem wir auch nicht wissen, was am nächsten Tag passieren wird. Oft wissen wir nicht, was die nächsten Sekunden bringen werden. Es geht darum, dass wir die Unsicherheit und die Ungewissheit, die uns umgibt, darstellen wollen und wie wir das Leben um uns herum empfinden. Auf der anderen Seite soll die Fotostory eine Provokation sein, die all die Leute treffen soll, die unsere Gesellschaft steuern und denken, dass die sogenannte Unterschicht und das arbeitende Volk froh sein kann, wenn sie genug zum Leben haben und ja nicht mehr fordern sollen…

 

W: Der erste Track heißt “Leaders fall down“. Was möchtest du mit dem Song sagen?

V: ”Leaders fall down” wurde während des “Arabischen Frühlings“ geschrieben, zu einer Zeit, als es so aussah, als ob sich einiges zum Positiven ändern würde. Stattdessen hat sich die Staatsmacht nur neu formiert. Neue Diktaturen sind entstanden. Ähnliches ist auch in meiner Heimat Italien passiert. Nachdem Berlusconi abgewählt wurde, steht Italien, eigentlich ganz Europa, unter der Diktatur der Banken und irgendwelchen Verwaltern, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wir sagen “Leaders fall down, but followers won´t“. Es reicht nicht, eine Diktatur zu zerschlagen, da die Leute, die die Diktatur gestützt haben, immer noch da sind und ihren Einfluss und ihre Macht weiterhin aufrechterhalten wollen. Eine wirkliche, eine echte Revolution braucht einen Neuanfang, braucht neue Menschen, eine neue Menschlichkeit.

 

W: Wäre eine Führungspersönlichkeit für die Linken hilfreich, um ihren Standpunkt besser zu vertreten und die Szene zu vereinigen?

V: Ich glaube nicht, dass Führer das Leben einfacher machen. Natürlich ist es einfach, jemandem zu folgen und diesen dann verantwortlich zu machen, wenn es schief geht. Du als Deutscher und ich als Italiener, wir wissen beide, wohin es führt, wenn man Führern folgt. Unsere Staaten haben fürchterliche Erfahrungen gemacht, das sollten wir nie vergessen. Wir brauchen keine Führer.

 

W: Ihr seid nach und nach von Italien nach Berlin umgezogen. Hat sich Berlin für dich seitdem verändert?

V: Vieles ist im Wandel, oft ändert es sich zum Schlechten. Ich habe mitbekommen, dass die Mieten gestiegen sind und im Vergleich zu 2008 / 2009, als ich nach Berlin gezogen bin, das Leben in Berlin teurer geworden ist. Berlin ist aber immer noch die günstigste europäische Hauptstadt, was die Lebenshaltungskosten angeht. Das ist auch der Grund, warum weiterhin so viele Künstler, Musiker und Medienschaffende nach Berlin kommen. Man kann sich hier frei entfalten, entwickeln und auch abseits von Arbeit das Leben leben.

 

W: Hast du dich in Berlin damals schnell zurechtgefunden? Was war anders als in Italien?

V: Es würde den Rahmen sprengen, wenn ich alles aufzählen würde, was hier anders ist als in Cosenza (Süditalien), wo ich herkomme. Ich habe mein altes Leben hinter mir gelassen. Seit ich hier bin, kann ich mich komplett der Musik widmen und mein Leben so leben, wie ich es möchte, und das in einer der schönsten Städte der Welt, die immer wieder Neues und Interessantes zu bieten hat. Ich bin froh, dass ich nach Berlin gekommen bin und mich für die Musik entschieden habe, obwohl es zu Beginn nicht einfach war.

 

W: Ich finde das neue Album etwas poppiger, fast radiotauglich - war das eine bewusste Entscheidung, die Songs etwas bekömmlicher zu machen oder wie ist das passiert?

V: Es gibt viele Arten von Popmusik. Ende der 70er Jahre waren Bands wie JAM, CHORDS oder SECRET AFFAIR Pop. Wenn du das mit Popmusik meinst, dann ist unsere Musik Pop. Ich liebe diesen Sound und lasse mich gerne von britischer Musik inspirieren. Da ist nicht nur Ska oder (neuer) Mod-Sound, sondern auch Brit-Pop. Ich bin großer Fan von SUPERGRASS, OASIS, BLUR, SUEDE, TEENAGE FAN CLUB, wenn wir noch weiter in die Vergangenheit, in die 60er Jahre, schauen, tauchen da Bands wie YARDBIRDS oder SMALL FACES auf. Das sind Bands, die im Radio gespielt werden und radiofreundliche Musik gemacht haben. Ich würde mich freuen, wenn wir das auch so gut hinbekommen würden.

 

W: Welche Ska-Bands aus Italien kannst du empfehlen und warum?

V: Da wären zum einen GUILANO PALMA AND THE BLUE BEATERS. Guilano Palma ist ein fantastischer Sänger. Die Band spielt nur Coverversionen, von Pop bis Rock. Es wird meist englisch gesungen und alle Songs kommen im 60s-Ska-Rocksteady-Sound daher. Du musst dir unbedingt deren Version von “Jump“ von Van Halen anhören oder “Jealous Guy“ von John Lennon. STATUTO ist auch empfehlenswert, das ist die erste Band Italiens gewesen, die 2-Tone gespielt hat. Die Band hat sich 1983 gegründet, eine Mod-Band, die in Italienisch singt. Sie machen sehr eingängige Musik und sind richtig smart.

 

W: Ihr habt letzten Winter eine kleine Tour durch Griechenland gespielt. Wie war das? Was habt ihr von den Veränderungen dort mitbekommen?

V: Die Tour war toll. Wir hatten zwei sehr gut besuchte Konzerte in Larissa und Xanthi. In Thessaloniki haben wir in einer kleinen Rock´n´Roll-Bar gespielt mit einer winzigen PA. Dort haben die Leute auf der Bar gestanden und getanzt. Es war großartig! Ich hab viele Leute in Griechenland getroffen, die etwas bewegen wollen. Sie wollen vor den Problemen nicht weglaufen, aber sie wollen auch Spaß haben. Für uns war es schön, dass so viele Menschen dort unsere Lieder mitgesungen, Spaß gehabt haben und wir eine gute Zeit hatten.

 

W: Wie geht es mit OFFENDERS weiter? Werdet ihr weiterhin viel auf Tour sein?

V: Wir lieben es auf Tour zu sein, neue Städte, neue Clubs und neue Menschen kennen zu lernen. Es hat etwas vom nomadischen Leben. Ich denke, das steckt in allen Künstlern und Musikern. Auf Tour sein ist zweifellos das Schönste, was man als Band machen kann und für mich einer der Gründe, warum ich das auch weiterhin so machen möchte.

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